«Wer den Zug der Digitalisierung bestiegen hat, steigt nicht mehr aus.»

Text — Daniel Schriber

interview

Die einen begegnen ihr mit Interesse, die andern mit Skepsis. Klar ist: Die digitale Transformation schreitet voran – egal ob es uns passt oder nicht. Genau deshalb sollte das Thema heute Bestandteil jeder Unternehmensstrategie sein, findet Management Consultant Roy Brüllhardt.

Über den Autor
Daniel Schriber – freischaffender Journalist, ehemaliger Sportredaktor

Roy Brüllhardt, welches sind die wichtigsten Regeln, die jedes Unternehmen beachten muss, um die Herkulesaufgabe der Digitalisierung erfolgreich zu meistern?

    Dieses Thema ist so umfassend und komplex, dass sich diese Frage nicht in ein paar Sätzen beantworten lässt. Und genau das ist auch die erste grosse Herausforderung bei diesem Thema: Viele Unternehmer sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr und sind schlicht und einfach überfordert.

Wie lässt sich dieses Problem lösen?

    Entscheidend ist, dass die Unternehmen erkennen, welches in ihrem spezifischen Fall die wesentlichen Potentiale sind. Die Digitalisierung beinhaltet so viele Aspekte – und längst nicht alle davon sind für alle Firmen von gleicher Bedeutung. Aus der Digitalisierung wird häufig eine riesige Geschichte gemacht: Mein Ziel ist es hingegen, das Thema für möglichst viele Unternehmen verdaubar zu machen.

Ist das nicht leichter gesagt als getan?

    Im Zusammenhang mit der Digitalen Transformation haben wir immer zwei Optionen: Entweder gestalten wir Sie mit – oder wir tun nichts und bleiben wie gelähmt stehen. Als Unternehmung sollte man sich immer die Frage stellen, wie die Kunden und die eigene Firma vom digitalen Fortschritt profitieren können – und was diese Entwicklung für die Kundschaft, die Angebote und das Unternehmen bedeutet? Wichtig ist zudem, dass man erkennt, dass die Digitalisierung viel mehr bedeutet als «nur» technologischer Fortschritt.

Was meinen Sie damit?

    Es braucht eine ganzheitliche Sicht. Die Digitalisierung beeinflusst Menschen und Maschinen, aber auch Strukturen und Organisationen. Die Entwicklung hat einerseits Einfluss auf die Art und Weise, wie wir arbeiten und produzieren, andererseits aber auch auf Dienstleistungen und Angebote, die unsere Kunden wünschen und die wir ihnen anbieten können.
Roy Brüllhardt ist 41 Jahre alt und wohnt in Münsingen bei Bern. Der ausgebildete Elektroniker (Fachrichtung Computertechnik), Wirtschaftsinformatiker FA und Unternehmensberater EMBA verfügt über langjährige Erfahrung in den Bereichen Digitalisierung, Projektmanagement, Strategie- und Unternehmensberatung sowie in der Weiterentwicklung und Transformation von Unternehmen. Vor seiner Laufbahn als Unternehmer war er als Projektleiter, Consultant, Wirtschaftsinformatiker und Führungskraft in verschiedenen KMU’s tätig.

Auf Ihrer Website schreiben Sie: «Lernen Sie den Umgang mit Wandel kennen». Was meinen Sie konkret damit?

    Die Digitalisierung verändert die Art, wie wir Geschäfte machen. Heute ist der chinesische Konkurrent nicht mehr 10‘000 Kilometer entfernt, sondern bloss noch ein Klick. Das führt dazu, dass der Wettbewerb viel umfassender, globaler und schneller ist – gerade auch für KMU’s. Unternehmerische Flexibilität ist heute ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal. Diese Entwicklung hat auch Auswirkungen auf die Unternehmens- und Führungskultur.

Inwiefern?

    Die Digitalisierung kann zu Verwässerungen von Führungsstrukturen führen. Hierarchien werden tendenziell flacher, die Kommunikation zum Kunden aber auch innerhalb des Betriebs wird immer wichtiger und direkter. Klar ist: Wandel muss nicht zufällig passieren. Wir zeigen unseren Kunden, wie Sie die digitale Transformation bewusst und strukturiert angehen können – und wie sie bei diesem Vorhaben auch ihre Mitarbeitenden ins Boot holen können.

Die Digitalisierung sollte heute Bestandteil jeder Unternehmensstrategie sein.

Welches sind wichtige Faktoren, damit das auch wirklich funktioniert?

    Ganz zuoberst steht das Verständnis für bzw. das Bekenntnis zur Digitalisierung. Die Transformation beginnt auf der Führungsebene. Nur wenn die Entscheidungsträger in einem Unternehmen das Thema vorleben, werden auch die anderen Mitarbeitenden ziehen. Eine wichtige Erkenntnis ist zum Beispiel die Tatsache, dass die Zyklen heute schneller und kürzer geworden sind.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

    Früher haben Unternehmen eine Strategie definiert – und diese dann nach fünf Jahren erneuert. Heute hingegen sollte man seine Strategien, Prozesse und Entscheide immer wieder aufs Neue und kontinuierlich überdenken. Der permanente Wandel ist damit zur neuen Konstante geworden. Ausserdem sollte die Digitalisierung heute Bestandteil jeder Unternehmensstrategie sein.

Was, wenn sich ein Unternehmen diesem Thema verweigert?

    Man muss die Digitalisierung nicht toll finden. Es ist zu begrüssen, dass es unterschiedliche Meinungen zu dem Thema gibt. Ganz verschliessen kann man kann sich diesem Thema aber nicht. Die Digitale Transformation kommt – egal, ob es uns passt oder nicht. Und wer den Zug erstmal bestiegen hat, steigt nicht mehr aus.

Drei Tipps – vom Praktiker für Praktiker

  1. Entweder gewinnen – oder lernen: «There is no losing, you either win or you learn.» – Um in der Digitalisierung erfolgreich bestehen zu können, braucht es Entscheidungsfreudigkeit und auch eine gewisse Risikobereitschaft. Wer zu lange zögert und alles hundert Mal durchkalkuliert, läuft Gefahr, den Anschluss zu verpassen.
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  2. KISS: Keep it simple and stupid. Suchen Sie nicht nach der allumfassenden, sondern nach der einfachsten und wirkungsvollsten Lösung. Versuchen Sie neue Produkte und Projekte nicht ins kleinste Detail zu planen, sondern möglichst schnell erste Ergebnisse zu erzielen – und anschliessend die nötigen Optimierungen und Weiterentwicklungen vorzunehmen.
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  3. Holen Sie Ihre Kunden mit ins Boot: Eine Idee mag noch so gut sein – kommt Sie beim Kunden nicht an, ist sie wertlos. Bei neuen Produkten und Projekten lohnt es sich deshalb, Kunden und andere Stakeholder so früh wie möglich ins Boot zu holen. Unter Umständen kann dies sogar bereits in der Entwicklungsphase geschehen.

Bundesrätin Leuthard forderte am diesjährigen Swiss Economic Forum von den KMU mehr Mut zur Digitalisierung. Sie auch?

    Ja und nein. Mut ist natürlich immer gut. Andererseits darf man nicht vergessen, dass die Ressourcen vieler KMU beschränkt sind. Wenn zum Beispiel ein Ereignis wie der Frankenschock kommt, verwenden die betroffenen Unternehmen ihre Energie verständlicherweise auf dieses Thema. Kommt hinzu, dass die Unternehmen auch auf die richtigen politischen Rahmenbedingungen angewiesen sind, um die Digitalisierung erfolgreich bewältigen zu können.

Sind diese Rahmenbedingungen denn nicht gegeben?

    Nur teilweise. Im Vergleich zu anderen Ländern hat die Schweiz in der Digitalen Transformation sicher noch etwas Aufholbedarf. Um auf Ihre ursprüngliche Frage zurückzukehren: Es braucht mehr Mut in der Wirtschaft – aber auch in der Politik.