«Unsere Plattform schafft ein neuartiges digitales Ökosystem»

Text — Manuela Ryter
Bilder © Südostbahn

Thomas Küchler, CEO der Südostbahn, über die Vision von abilio – und wie Big Data und Smart Business die Geschäftsmodelle der Zukunft verändern werden.

Über die Autorin
Manuela Ryter – Historikerin, Journalistin und Texterin

«Wir wollten die Südostbahn ins digitale Zeitalter überführen. Die ursprüngliche Idee war, die chaotische Tariflandschaft im regionalen Verkehr zu vereinfachen. Zuerst dachten wir an eine App mit integriertem Reisebegleiter. Etwa zeitgleich beschäftigten wir uns mit dem berührungslosen Ticketing – und erhielten dabei Einblick in die Welt der BigData. Da machte es Klick. Wir begriffen, welche enormen Dimensionen Big Data und Smart Data künftig annehmen werden. Und wir erkannten, dass da Möglichkeiten auf uns zukommen, die wir uns heute gar nicht vorstellen können. So entstand die Vision für abilio: Wir wollten auf «Mobilität as a service» setzen. Wir wollten dem Kunden nicht nur ein Zugticket anbieten, sondern gleich die ganze Reisedienstleistung von A nach B. Wir schrieben einen Wettbewerb aus: Wer hatte Ideen für die technische Umsetzung unserer Vision? Mit dem Siegerprojekt kamen wir zur Mobilitätsplattform mit völlig neuen technologischen Ansätzen und einem innovativen Modell für deren Betrieb.

Nach eineinhalb Jahren war es nun soweit: Die App abilio ist seit Anfang Oktober in einer ersten Version in den App Stores erhältlich. Möglich wurde dies nur dank dem Innovationsgeist, der seit langem in unserem Unternehmen verankert ist. Der wichtigste Schritt im Prozess der digitalen Transformation war jedoch die Suche nach den richtigen Partnern im Bereich des Marketings. Rein kommerzielles Marketing reicht bei einem digitalen Projekt nicht aus. Wir mussten der User Experience oberste Priorität beimessen und sie in den Auftritt integrieren. Welche Funktionen braucht die App und wie wird sie aufgebaut? Wie wird der User durch die App geführt? Unsere Partnerin Bloom Identity beantwortete diese Fragen und die Technik musste Lösungen finden, um die Vorgaben umzusetzen. Das war auf beiden Seiten eine grosse Herausforderung.

Am Anfang wird abilio noch stark auf den ÖV ausgerichtet sein, doch abilio wird schon bald zu einer Plattform wachsen, auf der unterschiedlichste Mobilitäts-, aber auch Freizeit- und Tourismusanbieter ihre Dienstleistungen anbieten und verknüpfen. abilio unterscheidet sich von Plattformen wie AirBnB oder eBookers, denn unsere Partner bleiben unabhängig. Alle Leistungen der Plattform stehen grundsätzlich allen zur Verfügung. Wie diese genutzt werden, bestimmt nicht die Plattform, sondern der Partner. Die Konditionen werden ganz traditionell ausgehandelt – abilio wird so zum digitalen Marktplatz. Nehmen wir eine kleine Bergbahn, die eine Bergfahrt plus Mittagessen im Aussichtsrestaurant anbietet. Die SOB kann das Angebot mit einer Zugfahrt verbinden, die Tourismusdestination XY zusätzlich mit einer Übernachtung im Hotel. Jeder Partner verhandelt mit der Bergbahn über Konditionen und Margen. Für die Kunden ist diese Verknüpfung von Dienstleistungen ein riesiger Mehrwert – und den KMU ermöglicht abilio den Zugang zu einem neuen, digitalen Geschäftsmodell, ohne dass sie ihre Unabhängigkeit und ihre Kundendaten verlieren.

Wer künftig an herkömmlichen Geschäftsmodellen festhält, hat keine Chance.

Unser Hauptrisiko besteht darin, dass der Schweizer Markt abilio nicht annimmt. Wir wissen nicht, wie sich die Kunden verhalten werden. Ich bin jedoch sehr optimistisch, denn unser Modell ist insbesondere für den Tourismus eine grosse Chance – und das Interesse entsprechend gross. Die meisten haben erkannt, dass wir hier eine neue Welt eröffnen: Wir schaffen ein neuartiges digitales Ökosystem, welches auch KMU erlaubt, Big Data und Smart Business zu nutzen. Und das ist wichtig, denn die Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, zeigen schon heute: Wer künftig an herkömmlichen Geschäftsmodellen festhält, hat keine Chance.

Mit dem Start von abilio ist unsere Vision noch lange nicht erfüllt. Auch dann nicht, wenn in einem Jahr alle ursprünglich geplanten Funktionen umgesetzt sind. Nehmen wir an, in ein paar Jahren kommen selbstfahrende Autos auf unsere Strassen. Insbesondere in ländlichen Gebieten werden Autoflotten, die autonom in der Gegend rumkurven, zur ernsthaften Konkurrenz des ÖV: Ich stehe an die Strasse und eine App erkennt, wo ich bin, und schickt mir innert 15 Minuten ein Auto, welches mich bis ans Ziel bringt. In Singapur werden schon heute entsprechende Versuche gemacht. Solche neuen Dienstleistungen brauchen Plattformen, über welche sie bezogen, bezahlt und mit anderen Mobilitätsdienstleistungen verbunden werden können. Der ÖV wird sich verändern und er muss sich diesen Veränderungen stellen. Mit abilio tun wir genau dies heute schon.»