«Digitalisierung braucht den Mut, Neues auszuprobieren»

Text — Daniel Schriber
Foto — Christian Hirsig

interview

Fachkräftemängel auf der einen, syrische Flüchtlinge auf der anderen Seite: Der Verein Powercoders führte diese beiden Realitäten zusammen und gründete eine Programmierschule für Flüchtlinge. Das Erfolgsprojekt zeigt auf eindrückliche Weise, welche Chancen die Digitalisierung mit sich bringt.

Über den Autor
Daniel Schriber – freischaffender Journalist, ehemaliger Sportredaktor

Christian Hirsig, beim Projekt Powercoders werden Flüchtlinge zu Informatikern ausgebildet. Wie kamen Sie auf diese Geschäftsidee?

    • Dahinter stehen zwei Aspekte: Ich habe vor einiger Zeit eine eigene IT-Firma gegründet und weiss, wie schwierig es ist, in dieser Branche gute Leute zu rekrutieren. Nicht umsonst werden uns bis 2024 voraussichtlich mehr als 24’000 Fachkräfte in diesem Bereich fehlen. Auf der anderen Seite ist da der Konflikt im Nahen Osten.

 

Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

    • Nehmen wir das Beispiel Syrien: Die Mehrheit der anerkannten Flüchtlinge aus diesem Land leben von der Sozialhilfe. Sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ist eine grosse Herausforderung. Tatsache ist aber auch, dass viele dieser Leute sehr gut ausgebildet sind – und das eben häufig auch im ICT-Bereich. Aus diesem Grund haben wir uns zum Ziel gesetzt, diese beiden Themen, die auf den ersten Blick weit auseinanderliegen, zusammenzuführen.

 

Wie sieht das Angebot von «Powercoders» konkret aus?

    • Der Lehrgang richtet sich an Flüchtlinge mit Vorkenntnissen im Informatikbereich. Beim ersten Lehrgang in Bern durften wir uns aus über 120 Bewerbungen für 15 Teilnehmer entscheiden. Die Flüchtlinge erhalten bei uns die Möglichkeit, eine 13-wöchige Programmierschule zu absolvieren. Die Schule ist für die Teilnehmenden gratis; die Dozenten arbeiten ehrenamtlich. Ziel ist es, dass die Teilnehmenden im Anschluss an den Kurs ein Praktikum in der Privatwirtschaft absolvieren können. In Bern haben alle Teilnehmer ein Praktikum gefunden. Unsere Erfolgsquote liegt bei 100 Prozent!

 

Wie geht man ein solches Projekt wie «Powercoders» an, um damit Erfolg zu haben?

    • Wichtiger als alles durchzuplanen ist es, klare Hypothesen zu haben. Beim Beispiel «Powercoders» hatten wir zum Beispiel folgenden Vermutungen. Erstens: Schweizer IT-Firmen haben Personalmangel und sind bereit, diesen Mangel mit Flüchtlingen zu kompensieren. Und zweitens: Unter den Flüchtlingen gibt es genügend Leute, die das Potenzial haben, in der IT-Branche erfolgreich zu sein.

 

Wie lässt sich eruieren, ob diese Hypothesen der Tatsache entsprechen?

    • Um das herauszufinden, sollte man versuchen, möglichst schnell und günstig ein Pilotprojekt zu starten – ein sogenanntes «Minimum Viable Product» bauen. Nach dem ersten Pilotprojekt in Bern wussten wir, dass wir richtig lagen. Mittlerweile sprechen wir mit dem Staatssekretariat für Migration über ein nationales Programm. Und siehe da: Diesen Herbst führten wir unser Programm erstmals in Zürich durch – und bald sollen weitere Standorte wie Basel, Genf, Lausanne oder Luzern folgen.

 

In Bern haben alle Teilnehmer ein Praktikum gefunden. Unsere Erfolgsquote liegt bei 100 Prozent!

 

Nebst Powercoders haben Sie schon viele weitere Projekte umgesetzt – darunter die Ideenplattform Atizo oder «Swisspreneur.org», wo sie regelmässig Interviews mit Unternehmern veröffentlichen. Muss man in Zeiten der Digitalisierung so vielseitig sein, um erfolgreich zu sein?

    • Eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Ich bin überzeugt, dass man wesentlich besser ist, wenn man sich auf etwas fokussieren kann. Dafür muss man aber auch «Nein» sagen können, was nicht wirklich eine Stärke von mir ist.

 

Warum sagen Sie denn so gerne «Ja»?

    • Weil es für mich noch weitere Faktoren gibt, als nur den wirtschaftlichen Erfolg. Mein Ziel ist es, einen Impact zu hinterlassen. Ich versuche bescheiden zu bleiben. Ich habe zum Beispiel kein Auto und versuche auch sonst, haushälterisch mit unserem Geld umzugehen. Ich versuche ein nachhaltiges Leben zu führen und meinen Kindern ein Vorbild zu sein. Ich mache deshalb fast nur Dinge, die ich selber sinnvoll finde.

 

Ist das auch bei «Swisspreneur.org» der Fall?

    • Das ist ein gutes Beispiel. Mit der Plattform wollen das Unternehmertum in der Schweiz stärken. Indem wir alle Episoden kostenlos zur Verfügung stellen, wollen wir insbesondere die nächste Generation von Schweizer Unternehmern inspirieren und motivieren. Ich selber habe grosse Freude an dem Projekt, da ich dadurch immer wieder spannende Leute kennenlerne.

     

Christian Hirsig ist studierter Betriebsökonom FH und Technologie Unternehmer HSG. In den vergangenen Jahren war er unter anderem als Projektleiter «E-Business» bei der Schweizerischen Post sowie als Wirtschaftslehrer in der Wirtschaftsschule Thun tätig. Hirsig ist Gründer der Innovationsplattform Atizo; nach sieben Jahren als Geschäftsführer verliess er das Unternehmen 2014 als Geschäftsführer. Seit 2015 ist er Inhaber des Beratungsunternehmens Pacific Catch. Hirsig ist 1980 geboren und wohnt mit seiner Familie in Bern.

Drei Tipps – vom Praktiker für Praktiker

  1. Digitalisierung ≠ Technologie: Viele Firmen betrachten die Digitalisierung primär als technologische Entwicklung. Geht es um neue Produkte oder Angebote, sollte jedoch nicht die Technik, sondern immer der Kundennutzen im Vordergrund stehen. Der Kunde interessiert sich für neue Angebote und Produkte – nicht aber für die Technik dahinter.
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  2. Digitalisierung braucht Zeit: Einerseits schreitet die Digitalisierung sehr schnell voran – andererseits ist im Umgang mit dem Thema auch Geduld gefragt. Und das besonders im Umgang mit den Kundinnen und Kunden. Diese brauchen Zeit, um sich an neue Angebote und Produkte zu gewöhnen. Zeigen Sie Geduld – und geben Sie nicht gleich auf, nur weil die Kunden zu Beginn skeptisch sind.
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  3. Fokus! – Die Digitalisierung bietet Unternehmen unzählige neue Optionen. Wer alle gleichzeitig angehen will, wird am Schluss mit leeren Händen dastehen. Überlegen Sie sich, welche Aspekte der Digitalisierung für Ihr Unternehmen sinnvoll und möglicherweise gewinnbringend sind – und investieren Sie anschliessend Ihre ganze Energie darauf.

Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Thema Digitalisierung: Was sollten Unternehmer unbedingt beachten, um bei dieser Entwicklung nicht den Anschluss zu verlieren?

    • Um herauszufinden, ob etwas funktioniert, muss man den Mut haben, Neues auszuprobieren. Das gilt insbesondere bei der Digitalisierung. Wichtig ist aber, dass man nicht alles gleichzeitig macht – sondern eins nach dem anderen. Ausserdem sollte man keine Angst vor dem Scheitern haben. Scheitern ist viel mehr Teil des Erfolgsrezepts.

 

Wie meinen Sie das?

    • Wer ein neues Produkt entwickelt, muss in der Lage sein, Ideen auch wieder zu verwerfen. Zuerst macht man zwei Schritte vorwärts, dann vielleicht wieder einen zurück, dann folgt der Überarbeitungsprozess – und dann geht’s wieder vorwärts. Es gibt einen Unterschied zwischen dem grossen Scheitern und dem kleinen Scheitern innerhalb eines Prozesses. Letzteres ist wichtig, um am Ende erfolgreich zu sein. Wer hingegen gar nie scheitert, kommt auch nicht vom Fleck.

 

Müssen Unternehmen in Zukunft noch beweglicher werden – oder gar disruptiv denken und handeln, um erfolgreich zu sein?

    • Meiner Meinung nach ist es als Unternehmung fast unmöglich, disruptiv zu handeln und zu denken. Wer das bestehende Kerngeschäft angreifen will, muss dies sehr sorgfältig planen, sonst kann dies verheerende Folgen auf die Firmenkultur haben. Der erste Schritt scheint mir, die Digitalisierung zu beobachten und sich zu überlegen, wie diese in die bestehenden Prozesse und Produkte einfliessen kann.

 

Muss man sich als Unternehmen zwingend mit der Digitalisierung befassen, oder kann man auch einfach abwarten und schauen, was die Zeit bringt?

    Der Begriff «Digitale Transformation» sagt es eigentlich schon: Hier ist gerade eine Transformation im Gang. Eine Entwicklung, die kommt – ohne Wenn und Aber. Die Antwort auf Ihre Frage lautet deshalb: Nein, man sollte sich nicht gegen die Digitalisierung entscheiden. Jedes Unternehmen muss sich früher oder später mit den damit verbundenen Chancen und Gefahren auseinandersetzen.