«Ein digitales Projekt erfordert eine neue Unternehmenskultur»

Text — Daniel Schriber

interview

Die Südostbahn wagte sich vor eineinhalb Jahren in unbekannte Gewässer und schuf sich mit der App abilio ein neues Geschäftsmodell. Die digitale Plattform soll künftig das Reisen in der ganzen Schweiz revolutionieren. Projektleiter Samuel Rindlisbacher über die «Dos and Don’ts» bei der digitalen Transformation.

Über den Autor
Daniel Schriber – freischaffender Journalist, ehemaliger Sportredaktor

Samuel Rindlisbacher, seit Ende September ist die App abilio erhältlich – wie ist Ihnen zumute?

    Bei mir überwiegt die Freude, dass die App nun live geht. Ich bin jedoch auch sehr gespannt auf die Reaktionen: Wie werden die Kunden abilio aufnehmen? Wie wird der Markt reagieren? Endlich werden wir richtiges Feedback erhalten.

Der digitale Markt ist hart umkämpft – wie wird die SOB mit den Reaktionen umgehen?

    Wir sind auf alles vorbereitet. Uns ist bewusst, dass wir den Kunden nun eine erste Version mit Basisfunktionen anbieten können. Doch wir brauchen das Feedback der User, um die App an die Kundenwünsche anzupassen und sie zu verbessern.
Samuel Rindlisbacher wohnt in Rapperswil-Jona und verantwortete abilio als Projektleiter bis zur App-Lancierung Ende September. Als ehemaliger Bahnbetriebsdisponent hat der 38-jährige Betriebsökonom mit MBA seine Wurzeln im ÖV.

Inwiefern wird abilio das Reisen verändern?

    Wir wollen einen digitalen Marktplatz schaffen, der verschiedene Mobilitätsanbieter auf einer Plattform verbindet. Der Reisende erfährt von abilio, wie schnell und wie teuer er mit seinem individuellen Mobilitäts-Mix von A nach B kommt – und kann die ganze Reise am Ende des Tages automatisch über abilio bezahlen. Noch sind wir nicht so weit: Die erste Version von abilio ist noch stark auf den ÖV fokussiert. Sie führt uns aber zu einer digitalen Lösung, die uns in Zukunft ermöglichen wird, sowohl den öffentlichen wie auch den individualen Verkehr sowie Freizeitangebote auf einer Plattform zu vereinen.

Laut der Hochschule für Wirtschaft in Zürich sind über die Hälfte der Schweizer Unternehmen «Digitale Dinosaurier». Was brachte die SOB dazu, den Einstieg ins neue Zeitalter anzupacken?

    Trendforscher sind überzeugt, dass mit dem autonomen Fahren und der zunehmenden Individualisierung eine neue Form der Mobilität entstehen wird. Wir stellten uns die Frage, was dies für ein regionales Bahnunternehmen wie die SOB heisst. Wir wagten uns mit der Digitalisierung an ein neues Businessmodell, weil wir erkannten, dass wir das neue Geschäftsfeld der Zukunft für die SOB erschliessen mussten.

abilio soll neue Massstäbe setzen. Wieviel Überzeugungsarbeit brauchte es, um die Mitarbeitenden von so hoch gesteckten Zielen zu überzeugen?

    Sehr viel, und es braucht sie bis heute. Zentral war, dass die Geschäftsleitung und der Verwaltungsrat das Vorhaben von Anfang an kompromisslos mittrugen. Die digitale Transformation erfordert ein Umdenken, eine neue Unternehmenskultur – von ganz oben bis ganz unten, denn sie verändert grundlegende Prozesse im Unternehmen.

Wir brauchen das Feedback der User, um die App an die Kundenwünsche anzupassen und sie zu verbessern.

Was heisst das konkret?

    Wir mussten abilio ganz anders angehen, um möglichst schnell einen agilen Modus zu erreichen. Bei anderen Projekten erstellt man ein Team, in dem jedes Mitglied weiss, was seine Rolle und seine Aufgabe sind. Man spricht Geld für konkrete Ausgaben und lanciert das Produkt, wenn es ausgereift ist. Ein digitales Projekt braucht schnellere Prozesse. Wir mussten Schritt für Schritt vorangehen und bereits das Pilot-Projekt live schalten, bevor es fertig war. Die Aufgaben der Leute im Team kristallisierten sich erst mit der Zeit heraus und veränderten sich immer wieder. Das führte zu viel Unsicherheit und erforderte von allen viel Mut. Als Projektleiter durfte ich diesen Mut vorleben und schnelle Entscheidungen treffen oder Aufträge herausgeben für Leistungen, die noch nicht ganz klar definiert waren. Ich nutzte dafür meinen vollen Handlungsspielraum und den zeigte Mut, etwas zu wagen, aber auch zu scheitern. Sonst wäre die Konkurrenz an uns vorbeigezogen.

Tempo ist alles bei einem digitalen Projekt?

    Geschwindigkeit ist es eines der wichtigsten Elemente einer erfolgreichen digitalen Transformation. Natürlich benötigt sie daneben auch die richtigen Skills und wie gesagt die richtige Einstellung der Projektmitglieder. Die Geschwindigkeit schafft ausserdem Raum für Innovation: Wenn ich eine neue Funktion möglichst schnell umsetze, kann ich sie durch die Kunden bewerten lassen und habe Zeit für neue Ideen. Für digital affine Kunden ist es kein Problem, wenn nicht von Anfang an alles perfekt ist und sich die App weiterentwickelt und besser wird.

Die digitale Transformation wird immer wichtiger für den Erfolg eines Unternehmens. Sie erfordert jedoch viel Know-how, und dieses ist in KMU oft nicht vorhanden. Woher hatte die SOB die richtigen Leute für eine digitale Innovation?

    Wir erkannten früh, dass wir gewisse Sachen nicht alleine machen können, und haben die richtigen Partner ins Unternehmen geholt. Bei einem digitalen Projekt muss man in Netzwerken arbeiten. Branding, User-Experience sowie Interface-Design kauften wir bei der Agentur Bloom Identity ein. Das Online-Marketing übernahm eine Web-Agentur. Und auch unser Partner Siemens kaufte das nötige Know-how im IT-Bereich dazu. Das Basiswissen holten wir intern – ein digitales Projekt braucht nicht nur junge und kreative Köpfe, sondern auch erfahrene Mitarbeitende, die den Markt kennen und konstruktiv-kritische Inputs einbringen. Der gute Mix macht es aus.

5 Tipps, wie ein KMU die digitale Transformation erfolgreich angeht

  • Die Geschäftsleitung installiert eine Projektorganisation ausserhalb des Alltagsgeschäfts und gibt ihr genügend Handlungsspielraum, damit sie Neues ausprobieren, scheitern und innovative Ideen möglichst rasch umsetzen kann.
  • Das Projekt wird im Unternehmen von oben bis unten getragen.
  • Digitale Transformation bedeutet Veränderung für jeden Bereich des Unternehmens, doch die Mehrheit der Menschen mag Veränderungen nicht. Überzeugungsarbeit sind daher zentral – am erfolgreichsten ist sie, wenn immer wieder konkrete Ergebnisse vorgestellt werden.
  • Das Unternehmen muss nicht das ganze Know-how selber haben, sondern – wo notwendig – einkaufen. Der Fokus auf die eigenen Stärken, ergänzt mit externen Spezialisten, ist ein Schlüssel zum Erfolg.
  • Ein digitales Projekt braucht Tempo und rasch erste Ergebnisse. Man darf nicht warten bis zur Perfektion, sondern muss hinausgehen und schauen, wie die Kunden auf die neuen Lösungen reagieren.

Wie funktionierte die Zusammenarbeit?

    Am Anfang des Projekts traf sich das Projektteam einmal pro Monat, doch wir merkten bald, dass wir die Leute näher zusammenbringen müssen, weil wir sonst viel zu langsam vorankamen. Wir installierten einen Projektraum, in dem das gesamte Team – interne wie auch externe Leute – zwei Tage pro Woche gemeinsam arbeiteten. Als alle in einem Raum sassen, konnten wir endlich das Potenzial der verschiedenen Disziplinen sowie die kollektive Intelligenz, die aus deren Zusammenarbeit entsteht, nutzen.

Was braucht es nun, damit abilio sich gegen Konkurrenzangebote etablieren kann?

    Es braucht einen guten Start mit stabilem Betrieb – die SOB muss es schaffen, vom Projektmodus in den Betriebsmodus zu wechseln. Jetzt gilt es ausserdem, möglichst rasch weitere Partner zu finden – sie bilden den Kern der Plattform, die nun stetig wachsen soll.